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Zum Namen Ukraine
Kurzgeschichte
13-16 Jahrhundert
Kosakenaufstand
um 1700
Glossar

Ukraine

Der Name wird zum ersten Mal 1187 erwähnt, hat aber ungenaue Bedeutung. Im 15. Jh. bedeutet es das Land zwischen von Lithauen kontrollierten nördlichen ukrainischen Länder und dem von Tataren unterjochten Süden. Im 17. Jh. wird Ukraine in der gleichen Bedeutung wie Rus’ benutzt, oder manchmal auch in der Zusammensetzung Rus’-Ukraine oder Ukraine-Rus’ . Nach der Vereinigung mit Moskowien 1654 wird der Begriff Klein Russland (Mala Rossia) zur Unterscheidung des ukrainisches Landes von zaristischer Regierung eingeführt.

1721 wurde Moskowien offiziell in Russland umbenannt. Das Wort Ukraine und Ukrainisch wurde verboten, aber in Folklore und in der Volkliteratur wurde die Bezeichnung weiterhin verwendet. Für die ukrainischen Gebiet auf dem österreichischen Territorium (Bukowina, Galizien und Karpatenrus’) blieb die latinisierte Version von Rus’ , Ruthenia weiterhin im offiziellen und weitverbreiteten Gebrauch. Nach der Revolution 1917 wurde der Begriff Ukraine offiziell anerkannt.

Geschichte der Ukraine: ganz kurz

Das im 8. Jh. gegründeter Kiewer Reich, dessen Kernland die Ukraine war, zerbrach im 13. Jh. und geriet in die Hände Litauens. 1569 fiel die Ukraine mit Litauen an Polen. Von den Teilungen Polens war auch die Ukraine betroffen: Die westliche Ukraine, Galizien, kam zu Österreich und entwickelte sich anders als der Osten, der Russland zugesprochen wurde. Um der Bolschewisierung zu entgehen, erklärte sich die Ukraine, unterstützt von den deutschen Besatzern, am 11. Januar 1918 für unabhängig.

1922 wurde die Ostukraine dennoch Sowjetrepublik und Mitbegründerin der UdSSR. Während des Zweiten Weltkriegs erweiterte sich die Ukraine um West-Wolynien, da östliche Galizien, Transkarpatien, die nördliche Bukowina und das südliche Bessarabien. Der ukrainische Widerstand richtete sich sowohl gegen Stalin als auch gegen Hitler. Der Nationalistenführer Stepan Bandera, der den Sowjets erheblichen Widerstand leistete, wird heute von ukrainischen Nationalisten wieder verehrt.

Galizien-Wolhynien – Litauen – Polen: Die Ukraine im 13. bis 16. Jh.

Den Höhepunkt erreichen die Kontakte zu den Ländern Mitteleuropas und zum russischen Nordosten unter Daniel (Danylo), dem bedeutendsten Herrscher des vereinigten Fürstentums, der 1253 von einem päpstlichen Gesandten zum König der Rus’ (rex Russiae) gekrönt wurde. Ähnlich wie einst Jaroslav der Weise knüpfte Daniel jedoch dynastische Verbindungen mit anderen europäischen Herrscherhäusern, mit Ungarn, Litauen und mit polnischen Fürstentümern. Durch die Heirat seines Sohnes Roman mit der Nichte des letzten Babenbergers wurde er auch in die Auseinandersetzungen um das Erbe des Herzogtums Österreich verwickelt. Wie schon sein Vater Roman hatte Daniel vorübergehend Kiev unter seine Kontrolle gebracht, den Großfürstentitel angenommen und damit Anspruch auf das Kiewer Erbe erhoben. Der Mongoleneinfall machte jedoch diese Pläne zunichte. Fürst Daniel und seine Nachfolger riefen deutsche Kaufleute und Handwerker ins Land, die bald einen bedeutenden Teil der städtischen Oberschicht ausmachten. Aus den steppennahen Gebieten zogen Ostslawen, Juden und Armenier nach Westen. Die ostslawischen Bojaren, der Adel, waren hier stärker an der Herrschaft beteiligt als in Vladimit-Suzdal’.

Im Laufe der ersten Hälfte des 14. Jh. wurde das Gebiet von Galizien-Wolhynien zum Streitobjekt seiner westlichen Nachbarn. Im Jahre 1323 starb die regierende Dynastie aus, und der Neffe der letzten Fürsten, Bolesław von Masowien, wurde Herrscher über Galizien- Wolhynien. Er war verwandtschaftlich sowohl mit der polnischen wie mit der litauischen Herrscherfamilie verbunden, und als er im Jahre 1340 wegen angeblicher Bevorzugung der Katholiken von seinen Bojaren vergiftet wurde, brach sogleich ein Kampf zwischen den beiden aufstrebenden osteuropäischen Großmächten um das Erbe des bedeutenden Reiches aus. Nach längerem Hin und Her fielen der größte Teil des Fürstentums Halyč und Cholm an Polen, Wolhynien, Podlachien und einige andere Gebiete an Litauen.

Gedimins Sohn Ol’gerd: „Omnis Russia ad Letwinos deberet simpliciter pertinere“ (Die ganze Rus’ sollte einfach den Litauern gehören).

Die Integration der ukrainischen Länder in das Großfürstentum Litauen vollzog sich langsamer als die Galiziens in das Königreich Polen. Hier bedeutete die polnisch-litauische Personalunion von 1385/86 einen wichtigen Wendepunkt: Der litauische Großfürst Jagajlo/Jagiełło heiratete die polnische Thronerbin Hedwig/Jadiga, bestieg den polnischen Königsthron, nahm den römisch-katholischen Glauben und den Namen Władysław an und wurde zum Begründer der Jagiellonendynastie. Gleichzeitig sollten die ungetauften Bewohner des Grußfürstentums, also die Litauer, dem römischen Christentum zugeführt werden, nicht aber die orthodoxen Ostslawen. Jagiełło gelobte die Angliederung der Länder Litauensund der Rus’ an das Königreich Polen und eroberte 1387 das zuvor an Ungarn verlorene Galizien zurück.

In der Mitte des 15. Jh. beeinflussten wichtige Veränderungen des internationalen Systems die Ukraine. Im Süden wurde das Khanat der Krimtataren zu einem mächtigen Reich, das die Steppen nördlich des Schwarzen Meeres kontrollierte. Ständige Einfälle der Tataren in die südlichen Grenzgebiete der Ukraine, die 1482 sogar zur Eroberung Kiews führten, hatten eine neue Welle der Abwanderung aus den steppennahen Gebieten am mittleren Dnjepr zur Folge. Im Nordosten konsolidierte sich seit der Mitte des 15. Jh. das Großfürstentum Moskau und begann unter Ivan III. mit dem Sammeln der Länder der Rus’. Dies führte zur militärischen Konfrontation mit Litauen. Eine Reihe von orthodoxen ostslawischen Fürsten trat freiwillig in Moskauer Dienste. Zu Beginn des 16. Jh. fielen die sogenannten severischen Fürstentümer mit der ehrwürdigen Stadt Černihiv im Nordosten des ukrainischen Siedlungsgebiet an den Moskauer Staat.

Mit der polnisch-litauischen Realunion von Lublin waren fast alle von Ukrainern bewohnten Gebiete unter polnischer Herrschaft vereint. Die Ausnahmen waren einige bei Litauen verbliebenen Grenzgebiete zu Weißrussland, die wenige Jahrzehnte zuvor an Moskau gefallenen Territorien, die Bukowina im Rahmen der Fürstentums Moldau und die ungarische Karpato-Ukraine, die sich beide unter der Oberherrschaft der Osmanen befanden. Die polnische Ukraine wurde in Wojewodschaften aufgeteilt und in die polnische Verwaltung eingegliedert. Der mittlere ukrainische Adel hatte sich im Gegensatz zu den Magnaten für die Realunion und für die Unterstellung unter Polen eingesetzt. Seine Sonderstellung und sein Landbesitz wurden vom polnischen König bestätigt, ebenso der orthodoxe Glaube. die ostslawische Amtssprache und die Geltung des Litauischen Status.

Die Attraktivität des Adelsstandes und der aufblühenden polnischen Kultur führten dazu, dass die Mehrheit der ukrainischen Adligen bis zum Beginn des 17. Jh. in die katholische Szlachta einging, die allein die politische Nation des Königreichs bildete. Nur wenige Adlige blieben orthodox.

Als Verwalter, Pächter, Schankwirte und Steuereinzieher stellten die polnischen Magnaten meist Juden an. Die jüdischen Gutspächter übten sogar volle Herrschaftsrechte über die abhängigen Bauern aus. Gegen die Juden, die ihnen als direkte Unterdrücker gegenübertraten, richtete sich verstärkt der Unmut der vom polnischen Adel abhängigen und ausgebeuteten ukrainischen Bauern.

Die Bedingungen im Osten und Süden der Ukraine blieben besser als im Westen und in Polen. Dazu trug die Grenzlage bei, die eine effiziente Kontrolle der Bauern erschwerte. Die Verstärkung des Druckes auf die Bauern löste jedenfalls eine Fluchtbewegung aus Galizien in die zentrale Ukraine aus. Infolge der adligen und bäuerlichen Kolonisation wurde das Gebiet am mittleren Dnjepr in der zweiten Hälfte des 16. Jh. wieder dichter besiedelt. Als die adlige Gutswirtschaft auch diese Gebiete zu erfassen begann, flohen die Bauern weiter nach Osten, erstmals auch in die unter Moskauer Hoheit stehende Sloboda-Ukraine, und zu den Kosaken.

In den Städten der Ukraine wurde nach mitteleuropäischem Vorbild eine rechtliche und administrative Sonderstellung eingeführt.

Allerdings wurde die orthodoxe Stadtbevölkerung gegenüber der katholischen benachteiligt und kam nicht in den Genuss der vollen Privilegien des Stadtrechts.

An die Stelle der Ukrainer rückten andere ethnische Gruppen, die von den Herrschers Glizien-Wolhynien, Polens und Litauens ins Land gerufen worden waren: neben Polen Deutsche, die unter den Bürgern der galizischen Städten dominierten, Armenier, die den Osthandel kontrollierten, und seit dem 14. Jh., bes. aber seit 1569, eine immer größere Zahl von Juden, die ebenso wie die Armenier einen eigenen Rechtsstatus und eigene Privilegien besaßen.

Die Verlegung des Metropolitensitzes von Kiew nach Moskau um 1300 hatte Kirchen politische Probleme aufgeworfen. Die orthodoxe Bevölkerung Polens und Litauens war nun einem Kirchenfürsten unterstellt.

Die orthodoxe Kirche in Litauen und Polen machte in der Folge eine tiefe geistige, kulturelle und moralische Krise durch. Erst nach der Union von Lublin kehrten die Metropoliten nach Kiew zurück.

Im Dezember 1595 führten die orthodoxen Bischöfe Verhandlungen in Rom, die mit dem Abschluss der Union zwischen der Römischen und Griechisch-orthodoxen Kirche Polen-Litauens durch Papst Klemes VIII. endeten. Trotz heftigen Widerstandes von Seiten der orthodoxen Ukrainer wurde die Union im Oktober 1596 von einer Kirchenversammlung in Brest besiegelt. Die meisten orthodoxen Hierarchen unterstellten sich dem Papsttum und akzeptierten die zentralen Elemente des römischen Dogmas. so das „filioque“, die Lehre, dass der Heilige Geist von Vater und vom Sohn ausgehe. Die Unierte Kirche behielt ihre slawische Liturgie, die Priesterehe und eine eigene Kirchenorganisation.

Die Orthodoxen kämpften in der Folge um die Wiedererrichtung ihrer selbständigen Kirchenorganisation. Erst im Jahre 1632 anerkannte der polnische König die Existenz von zwei Kirchen und zwei Metropoliten mit je vier Diözenen. Doch blieb die Orthodoxe Kirche gegenüber der Unierten benachteiligt.

Angeregt durch die über Polen vermittelten Einflüsse von Renaissance, Humanismus und Reformation, bes. aber unter der Wirkung der von den Jesuiten getragenen Gegenreformation, vollzog sich in der zweiten Hälfte des 16. Jh. ein Aufschwung der ukrainischen Kultur.

Die religiösen und kulturellen Bestrebungen schufen geistige Voraussetzungen für den Aufschwung des ukrainischen politischen Lebens in der ersten Hälfte des 17. Jh.s. Die organisatorischen und militärischen Anstöße dazu kamen von den Dnjepr-Kosaken, die sich gerade in dieser Zeit als Gemeinschaft konsolidierten.

Die Dnjepr-Kosaken und die Entstehung des Hetmanats

Der Begriff „Kosaken“ stammt aus dem Turko-tatarischen und meist „freie Krieger“. Die ersten, im 15. Jh. auftauchenden Quellenzeugnisse beziehen sich denn auch auf Tataren, die im Dienste tatarischer, litauischer, polnischer oder ostslawischer Herrscher militärische und diplomatische Aufgaben an der Steppengrenze erfüllten. Zu diesen tatarischen Kosaken stießen immer mehr Ukrainer und Russen, und schon im 16. Jh. war das Kosakentum überwiegend ostslawisch geprägt.

In der Ukraine errichteten Kosaken ihre befestigten Lager in den Uferwäldern oder auf Inseln des Dnjepr. Da sie zum Teil hinter den Dnjepr-Stromschnellen (ukrainisch porohy) lagen, wurden die Kosaken als Zaporožer (oder Zaporoher, russ. Zaporoger) Kosaken, als „Kosaken jenseits der Stromschnellen“, bezeichnet. Das wichtigste befestigte Lager der Kosaken hieß Sič (russ. Seč’), das der Dnjepr-Kosaken demnach Zaporožer oder Zaporoher Sič (ukrainisch Zaporiz’ka Sič).

Im Laufe des 16. Jh. schlossen sich Kosaken an der Steppengrenze der Ukraine zu größeren Verbänden zusammen. Um die Jahrhundertmitte gab ihnen Fürst Dmytro Vyšnevec’kyj vorübergehend eine festere Organisation mit einem Zentrum auf der Dnjepr-Insel Chrtycja. Oberstes Entscheidungsgremium war die Versammlung aller Kosaken, der Ring (kolo) oder Rat (rada), der die Offiziere und den obersten Anführer des Kosakenheeres, den Hetman oder Ataman, wählte und Gericht hielt. Der gewählte Hetman erhielt weitgehende Kompetenzen, Recht über Leben und Tod. Ihm schuldeten alle Kosaken absoluten Gehorsam, doch konnte er wieder abgewählt werden. Die politische Organisation der Dnjepr-Kosaken zeigt eine eigentümliche Mischung aus zentralistischer militärischer Disziplin und demokratischer Verfassung.

Das Verhältnis Polen-Litauens zu den Dnjepr-Kosaken war zwiespältig. Einerseits waren die praktische unabhängigen, militärisch starken und räuberischen Kosakenheere, die den entlaufenen Bauern als Zufluchtsort dienten, ein Unruheherd. Die demokratischen Elemente ihrer politischen Organisation waren eine unerwünschte Alternative zur polnischen Adelsherrschaft und der sich verfestigenden Leibeigenschaftsordnung. Andererseits brauchte Polen-Liauen die Militärkraft der kosakischen Söldner zur Verstärkung seiner Heere und als Grenzwächter und Späher gegen die Krimtataren, die periodisch in das Dnjepr-Gebiet und nach Podolien einfielen, die Siedlungen verwüsteten und Teile der Bevölkerung in die Sklaverei verkauften.

Die Kontrolle der polnischen Adelsrepublik über das Grenzland der Ukraine verstärkte sich im 17. Jh.. Diesem Ziel diente nicht nur die Kooptation der Register-Kosaken, sondern auch die Anlage von zahlreichen befestigten Stützpunkten. Gleichzeitig griffen die polonisierten und polnischen Magnaten mit Hilfe ihrer meist jüdischen Verwalter immer mehr auf die Grenzgebiete aus und brachten die dort lebenden Bauern in ihre Abhängigkeit.

Dagegen protestierten seit dem Ende des 16. Jh.s weite Teile der Grenzbevölkerung. Kosaken, unterstützt von ukrainischen Bauern und Städtern, erhoben sich immer wieder gegen Magnaten und Verwaltungsleute.

Die Unzufriedenheit entlud sich im Jahre 1648 im großen Volksaufstand unter Führung von Bohdan Chmel’nyc’kyj.

Die Kosaken erhoben sich für ihre alten, 1638 eingeschränkten Privilegien, in erster Linie gegen den polnischen Adel, weniger gegen den König. Chmel’nyc’kyj schloss ein Bündnis mit den Krimtataren, und das kosakisch-tatarische Heer brachte den polnischen Truppen schwere Niederlagen bei. Dies wurde zum Signal für einen Volksaufstand in weiten Teilen der Ukraine.

Chmel’nyc’kyj erfocht weitere Erfolge gegen polnischen Armeen und zog mit seinem Kosakenheer bis vor Lemberg in die Westukraine, doch kehrte er schon im Januar 1649 nach Kiew zurück.

Im August 1649 schloss Chmel’nyc’kyj im Zboriv einen Vertrag mit dem polnischen König, der dem Kosakenheer wesentliche Konzessionen machte: Die Zahl der registrierten Kosaken wurde auf 40 000 erhöht, den Kosaken wurde freies Leben in den drei Wojewodschaften Kiew, Černihiv und Braclav zugesichert, polnische Soldaten und Juden sollten sich hier nicht niederlassen dürfen. Die orthodoxe Kirche sollte nicht weiter diskriminiert, Ämter in der Ukraine nur noch an orthodoxe Adlige verliehen werden. Der Vertrag von Zboriv war ein Sieg der Kosaken und der ukrainischen Elite: Die Bauern und ihre soziale Lage wurden nicht erwähnt.

Polen-Litauen konnte sich mit der Sezession des ukrainischen Hetmanats nicht abfinden. Im Jahre 1651 folgte ein militärischer Schlag, der bei Berestečko mit einer Niederlage der Kosaken endete, die von ihren krimtatarischen Verbündeten im Stich gelassen wurden. In einem neuen Vertrag wurden die Autonomie und die Privilegien der Kosaken erheblich gestutzt. In der Folge gingen die militärischen Auseinandersetzungen weiter.

Chmel’nyc’kyj hatte seit 1648 den Zaren um Hilfe gebeten und ihn als Schutzherrn über das Zaporožer Heer in Aussicht genommen.

Moskau schickte nun eine Delegation in die Ukraine, und im Januar 1654 sprach sich eine Versammlung der Kosaken in Perejaslav für die Unterordnung unter den Zaren aus und schwor ihm den Treueid. Auch die Bevölkerung von Kiew und der anderen Städte der Ukraine leistete den Schwur. Eine Gesandtschaft der Kosaken machte sich mit einer 23 Artikel umfassenden Petition Chmel’nyc’kyjs nach Moskau auf. Darin hieß es, der Zar möge die Rechte und Privilegien der Kosaken, des Adels und der Stadtbevölkerung bestätigen, so auch die Wahl der Hetmans durch die Kosaken. Der Umfang der Zaporožer Heeres sollte maximal 60 000 Mann betragen, ausführlich werden die Besoldungen für die einzelnen Gruppen und Amtspersonen festgelegt. Hetman und Heer sollten das Recht behalten, mit ausländischen Mächten Beziehungen zu unterhalten. Als wichtigste Gegenleistung verpflichteten sich die Kosaken, für den Moskauer Herrscher gegen seine Feinde in den Krieg zu zeihen.

Der große Krieg zw. Russland, Polen-Litauen und Schweden, der 1654 begann, erschütterte die Allianz zw. Moskau und den Dnjepr-Kosaken. Im Jahre 1656 schloss der Zar einen Waffenstillstand mit Polen-Litauen, während Chmel’nyc’kyj in Verhandlungen mit Schweden trat. Nach dem 1657 eingetretenen Tod Chmel’nyc’kyjs paktierte der neue Hetman Vyhovskyj sogar wieder mit Polen-Litauen: Im 1658 abgeschlossenen Vertrag von Hadjač handelten die Kosaken vorteilhafte Bedingungen aus, die der Ukraine die praktisch gleichberechtigte Stellung eines neben Polen und Litauen dritten Gliedes des Königreichs eingebracht hätten. Der Vertrat von Hadjač wurde jedoch vom polnischen Sejm nicht bestätigt.

Schon bald brachte Moskau die Kosaken wieder unter seine Botmäßigkeit. Die Gelegenheit wurde dazu benutzt, im Jahre 1659 die fünf Jahre zuvor vereinbarten Bedingungen zugunsten Moskaus zu verändern. Die außenpolitische Manövrierfähigkeit des Hetmans wurde zugunsten des Zaren wesentlich beschnitten, russ. Garnisonen in sechs ukrainischen Städten stationiert, und der Hetman durfte nur mehr mit Einwilligung Moskaus abgesetzt werden. Im Jahre 1663 wurde in Moskau ein für die Ukraine zuständiges Zentralamt, die Kleinrussische Kanzlei (Malorossijskij prikaz), geschaffen. Trotz solcher Integrationsmaßnahmen blieben die administrative Autonomie des Hetmanats, die Privilegien der kosakischen Oberschicht, seine wirtschaftliche und kulturelle Eigenständigkeit, vorerst erhalten.

Die Ukraine war in den fünfziger und sechziger Jahren ständiger Kriegschauplatz. Eine wichtige Folge war die Teilung des Hetmanats zw. Moskau und Polen-Litauen. Schon 1663 wurde für das links- und das rechtsufrige Gebiet je ein Hetman gewählt, und im Waffenstillstand von Andrusovo von 1667 sanktionierten Polen-Litauen und das Moskauer Reich die Teilung. Der Dnjepr sollte fortan als Grenze dienen. Polen verzichtete auf die linksufrige Ukraine und zusätzliche für zwei Jahre auf das am rechten Ufer liegende Kiew; Moskau gab jedoch Kiew auch in der Folge nicht mehr heraus. Die Zaporožer Sič am unteren Dnjepr kam unter das gemeinsame Protektorat der beiden Mächte.

Im 1686 geschlossenen Frieden zw. dem Moskauer Reich und Polen war die in Andrusovo getroffene Teilung bestätigt worden. Neu kamen jetzt auch die Stadt Kiew mit Umgebung und die Zaporožer Sič unter Moskauer Oberhoheit. Im selben Jahr wurde die Metropolie von Kiew endgültig dem Patriarchen von Moskau unterstellt.

Die Ukraine um 1700

  1. Das linksufrige Hetmanat mit Kiev als autonome Region Russlands;
  2. Die östlich davon gelegene Sloboda-Ukraine im Russischen Reich;
  3. Die formal ebenfalls russische, de facto aber weitgehend unabhängige Zaporožer Sič am Unterlauf des Dnjepr;
  4. Die rechtsufrige Ukraine im Rahmen Polen-Litauens;
  5. Die stärker in das Königreich Polen integrierten Gebiete von Galizien, Cholm und Podlachien;
  6. Die ungarische Karpaten-Ukraine, die bis zum Ende des 17. Jh.s unter osmanischem Protektorat gestanden hatte und jetzt zum Habsburger Reich gehörte;
  7. Die nördliche Bukowina im Fürstentum Moldau, unter der Oberherrschaft des Osmanischen Reiches.

Glossar 

Hajdamaken               Ukrainische Partisanenkämpfer/Räuber in Polen-Litauen.

Hetman (Ataman)       Führer der Kosaken

Hetmanat                   Von Hetman B. Chmel’nyc’kyj und den Dnjepr-Kosaken 1649 begründeter Herrschaftsverband in der Ukraine; ab 1667 Gebiet der Ukraine am linken Dnjepr-Ufer (mit Kiew), mit (bis 1764) weitgehender Autonomie innerhalb des Moskauer und Russischen Reiches.
Wiederbelebt im Jahre 1918 unter dem von den Mittelmächten eingesetzten Hetman P. Skoropads’kyj.

Kleinrussland              Zunächst kirchlichen, seit der Mitte des 17. Jh.s offizielle russische Bezeichnung der Ukraine.

Kosaken                      urspr. turktatar. Wach- und Raubkommandos, dann v. a. ostslaw. Gemeinschaften freier Krieger und geworbener Grenzsoldaten; bis zum Ende des Zarenreiches mobile Reiterverbände im russ. Heer. Als K. siedelten sich ab dem 15. Jh. vor Leibeigenschaft und Zwangskatholisierung flüchtende weißruss. und ukrain. Bauern in den Steppen am mittleren und unteren Don unter formaler Oberhoheit Polen-Litauens an. Seit dem 16. Jh. Teilung in dem Moskauer Staat verbundene städt. K. am mittleren (Grenzverteidigung, Handel) und in Saporoger K. („unterhalb der Stromschnellen“) am unteren Dnjepr, von denen fast alle anderen K.gruppen abstammen, u. a. Don-K.; ab Mitte 17. Jh. unter russ. Oberhoheit, 1775 Aufhebung ihrer Autonomie. Ab 1581 Erschließung Sibiriens. Im Russland des 19. Jh. neben der Grenzsicherung v. a. zur Niederschlagung innerer Unruhen eingesetzt. Im Juni Aufhebung sämtl. Privilegien, im Bürgerkrieg auf seiten der Weißen, emigrierten etwa 30000 K. nach dem Sieg der Bolschewiki.

Rada                          Ratsversammlung

Register-Kosaken       Im Dienste des polnischen Königs stehende, besoldete Kosaken.

Rusynen, Rusyny         Selbstbezeichnung der Ukrainer bis ins 19. Jh., in der Westukraine, besonders in der Karpaten-Ukraine, bis ins 20. Jh.

Ruthenen                    Offizielle Bezeichnung der Ukrainer im Habsburger Reich.

Sloboda-Ukraine        Region der Ost-Ukraine um Charkiv.

Starosta                      Lokaler polnischer Beamter

Staršina                      Offiziere, dann Oberschicht der Dnjepr-Kosaken

Zaporožer Sič             Befestigtes Zentrum der Dnjepr-Kosaken, wo sich ihre traditionelle Lebensweise und ihre militärdemokratische Ordnung bis                                    zu seiner Auflösung im Jahre 1775 hielten.



Quellen:

Köpf, Peter: Stichwort. Osteuropa – Völker und Staaten. Wilhelm Heyne Verlag München 1994, S. 32f.

Geiss, Imanuell: Geschichte griffbereit. Personen. Die biblische Dimension der Weltgeschichte. Harenberg
  Lexikon-Verlag Dortmund 1993, S. 41 

Kappeler, Andreas: Kleine Geschichte der Ukraine. Beck München 1992. Sonst extra vermerkt.

Mayers Lexikon – Das Wissen A – Z: http://www.iicm.edu/ref.m10/

Dmytro Doroshenko

ANG