Zur Geschichte der Deutschen Sprache

Wortentstehung

Das Wort Deutsch gehört zum germanischen Stamm þeudo mit einem Reibelaut wie beim englischen Wort thick am Anfang). Dieses alte germanische Wort bedeutet ‘Volk’. Die Vorstufe des Wortes deutsch war als Adjektiv davon abgeleitet und bedeutete ‘zum Volk gehörig’ oder ‘dem Vok gemäß’. Das Adjektiv wurde zunächst im Zusammenhang mit Sprache verwendet, eine Deutsche Eiche oder einen Deutschen Schäferhund konnte mal also ursprünglich nicht so benennen.

Der früheste bekannte Beleg für das Wort deutsch lautet latinisiert teodisce und bezieht sich gar nicht auf die deutsche Sprache. Vielmehr meinte Georg von Ostia, als er in seiner Eigenschaft als päpstlicher Nuntius im Jahr 786 zum ersten Mal das Wort teodiscus verwendete, die englische Sprache. Teodisca lingua bezeichnet in diesem Zusammenhang die ‘volkstümliche’ (eben nicht lateinische) Sprache, und das konnte aus der Sicht römischer Gelehrter sogar eine mit dem Lateinischen eng verwandte romanische Mundart sein. Einige Jahrzehnte später war die Bedeutung bereits eingeschränkt; es finden sich nur noch Belege für germanische Volkssprachen (wie etwa das Altenglische, von dem Georg von Ostia schrieb).

Im 10. und 11. Jahrhundert konnte mit dem Wort deutsch bzw. seinen Vorstufen eine Reihe von kontinentalgermanischen Sprachen bezeichnet werden. So findet man dietsc in Flandern oder duutsc in Holland, und das englische Wort dutch bezeichnet bis heute nicht das Deutsche, sondern das Niederländische. Gleichzeitig weitete sich die Verwendbarkeit des neuen Wortes aus. Es konnte nun mehr und mehr auch für die Bezeichnung von Land und Leuten gebraucht werden. Der erste Beleg dieser Art findet sich im Annolied (um 1100). Dort heißt es: in diutschemi lande ‘in deutschem Lande’, diutischiu liute ‘deutsche Leute’ und diutschi man ‘deutsche Männer’.

Bezeichnung der Wochentage

Die Siebentagewoche hat ihren Ursprung im alten Orient und gelangte von dort über das hellenistische Griechenland zu den Römern. Mit dem Christentum verbreitete diese Zeiteinteilung auf ganz Europa. In den klassischen Sprachen der Antike folgten die Bezeichnungen der Wochentage orientalischem Vorbild mit den Namen der Himmelskörper bzw. der zugeordneten Gottheiten. In den geramanischen Sprachen wurde dies nachgebildet:

Montag
Der Name des ersten Tags der Woche ist in der Schreibung mantac zur ersten Mal im 11. Jahrhundert belegt. Er stellt eine Lehnübersetzung des lateinischen dies lunae, das seinerseits ein Imitat von griechischem heméra selénes ist, (‘Tag des Mondes’) dar.
Dienstag
Die heute in der hochdeutschen Standardsprache gebräuchliche Variante geht auf mittelniederdeutsch dingestach zurück, was mit einem (allerdings nur singulär in einer Inschrift bezeugten) germanischen Gott Mars Thingsus oder aber dem Wort Thing ‘Gerichtstag’ in Verbindung gebracht wird. Die in einigen oberdeutschen Mundarten bis heute gebräuchliche Form Ziestag dagegen lässt sich gut an den germanischen Götternamen Teiwa(z) anschließen. Fortsetzungen finden sich z.B. in englisch tuesday und schwedisch tisdag. Lateinisches Vorbild war Martis dies (vgl. franz. mardi). Mars war der Kriegsgott der Römer. Das heute mitunter noch im Bairischen verwendete Ertag hat seine seine eigene Geschichte. Hier verbirgt sich der griechische Kriegsgott Areos. Das im Altertum kein direkter bairisch-griechischer Kontakt bestanden hat, liegt die Annahme nahe, dass die christianisierten Goten, die im 4. und 5. Jahrhundert mit den Griechen in Kontakt und später in Norditalien und im Alpenraum waren, die Vermittler waren.
Mittwoch
Die lateinische Form Mercurii dies (‘Tag des Mercur’) wurde durch die Übertragung in germanische Sprachen zum Wotanstag (englisch wednesday, niederländisch woensdach) nach dem Gott Wodan. Diese allzu offensichtlich heidnische Benennung war christlichen Autoritäten nicht sehr sympatisch, und so dam es zum Namensersatz oder wenigstens zu einer leichten Unkenntlichmachung wie im westfälischen Dialektwort Gudendag. Seit dem 11. Jahrhundert findet man Bezeichnungen wie mittewoche, die auf die jüdisch-christliche Bezeichnung der Wochenmitte zurückgehen (griechisch media hebdomas). Im älteren Deutschen war das Wort noch Femininum (wie die Woche). Maskulin wurde es in Analogie zu den sechs anderen Namen auf -tag.
Donnerstag
Hier liegt die lateinische Bezeichnung Iovis dies (‘Tag des Jupiter’) zu Grunde. Der antike Himmelsgott wurde duch den germanischen Wetter- und Donnergott Donar ersetzt. So heißt es schon im Althochdeutschen donarestag, im Mittelhochdeutschen donerstac. Auch englisch thursday, niederländisch donderdach und schwedisch torsdag gehören hierher. Im Bairischen gibt es bis heute dafür die Bezeichnung Pfinztag, die auf das griechische pempe heméra ‹fünfter Tag› zurückgeht.
Freitag
Die althochdeutsche Form frijatag lässt gut erkennen, dass der Name der germanischen Gottheiten Freia enthalten ist. Die germanische Form, die sich im Übrigen auch im englischen friday oder dem schwedischen fredag findet, bildet das lateinische Veneris dies (‘Tag des Venus’) nach.
Samstag bzw. Sonnabend
Im Althochdeutschen findet sich für den Tag vor dem Sonntag die Bezeichnung sambaztag, die aus dem lateinischen sabbatum entlehnt ist. Die lateinische Form wiederum geht auf hebräisch šabbat ‘Ruhetag’ zurück. Daneben gab es im Lateinischen die Bezeichnung Saturnis dies ‘Tag des Saturn’. Sie wurde in mehrere germanische Sprachen entlehnt und findet sich z.B. im Englischen (saturday) oder auch im Niederländischen (saterdag). Im norddeutschen Raum ist die Variante Sonnabend verbreitet, für die es auch bereits in althochdeutscher Zeit Belege gibt (sunnunabund). Sie bedeutet ursprünglich ‘Tag vor dem Sonntag’.
Sonntag
Die Bezeichnung des Sonntags ist eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen. Dort heißt es dies Solis, das wiederum auf griechischen heméra heliou basiert (‘Tag der Sonne’). mit Sol bzw. Helios war nicht nur der Himmelskörper gemeint, sondern der Sonnengott. Im Althochdeutschen heißt der Tag sunnuntag, im Mittelhochdeutschen sunnentac.

Plautdietsch

Plautdietsch wurde urspünglich im Weichseldelta gesprochen und von Angehörigen der Glaubensgemeinschaft der Mennoniten in deren neue Heimat mitgenommen, als sie im 16. und 17. Jahrhundert nach Russland sowie nach Nord- und Südamerika auswanderten. Wegen ihrer besonders ausgeprägten Religiosität und des darauf gründenden kulturellen Selbstbewusstseins war ihr Kontakt nach außen lange Zeit relativ eingeschränkt. Ihre Sprache blieb dadurch weitgehend unverändert.

Eine große Zahl von Sprechern des Plautdietschen kam Ende des 20. Jahrhunderts aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Viele von ihnen leben heute im Raum Ostwestfalen-Lippe. Nachfolgend ist das Vater unser aus Daut Niehe Tastament Plautdietsch:

Onns Foda em Himel! Dien Nomen saul heilich jehoolen woaren. Lot dien Rikj komen, en dien Welen opp Eaden jrod soo jedonen woaren aus em Himel. Jef onns daut Broot, daut wie fonnduog bruken. Fejef onns onnse Schullt, soo aus wie dee fejäwen dee sikj aun onns feschulldicht haben. Brinj onns nich en Feseakjunk, oba bewoa onns fa dän Beesen. Dan daut Rikj en de Krauft en de Harlichkjeit sent eewich diene. Amen.

Negation

Ursprünglich wurde die Verneinung im Deutschen durch eine Partikel ni ausgedrückt, die direkt vor dem finiten Verb stand (ni uuas her thaz lioht = Negation + ‘war er das Licht’, d.h. ‘er war nicht das Licht’). Allmählich wurde diese Partikel abgeschwächt und konnte mit dem Verb verschmelzen (nist tót thaz magatin = Negation + ‘ist tat das Mädchen’), d.h. ‘das Mädchen ist nicht tot’). Im Mittelhochdeutschen ging die Negationspartikel dann auch mit dem vorausgehenden Wort eine Verbindung ein (ine weiz = ‘ich’ + Negation ‘weiß’, d.h. ‘ich weiß nicht’).

Um diese Schwächung der Negation aufzufangen, wurde bereits im Spätalthochdeutschen gelegentlich eine Verstärkung hinzugefügt. Von mehreren Möglichkeiten war ni io uuiht (= ‘nicht ein Wicht’) die übliche und konnte sich durchsetzen, denn unserer heutigen Negation nicht liegt genau dieses ni io uuiht in kontrahierter Form zugrunde. Auf diese Weise kam es im Mittelhochdeutschen zu der doppelten Verneinung (ine weiz niht = ‘ich’ + Negation ‘weiß nicht’), die nicht bedeutet, dass sich die Negation aufhebt.

Zusätzlich zum oder statt des ‘nicht’ konnten weitere Wörter verwendet werden, die die Geringheit oder Wertlosigkeit anzeigten. Zu nennen sind ‘nicht ein Haar, nicht eine Bohne, nicht ein Blatt’. Noch heute finden sich in einigen festen Wendungen wie ‘keinen Pfifferling wert sein, einen Dreck angehen/kümmern, nicht die Bohne interessieren’ Überreste dieser Verneinungsmöglichkeiten. Die doppelte Verneinung ist nicht nur auf das Deutsche beschränkt. Auch das Französische weist mit ‘ne pas’ zwei Negationselemente auf. Im Deutschen wird die doppelte Negation allerdings zugunsten des ‘nicht’ aufgegeben.

Der Schwund des ‘ne’ vollzieht sich in den einzelnen Dialektgebieten des Deutschen unterschiedlich schnell. Um 1500 findet sich im Ostmitteldeutschen gar keine doppelte Verneinung mehr, und im Oberdeutschen ist sie nur noch sehr selten. Im Westmitteldeutschen und vor allem im niederdeutschen Raum ist sie hingegen noch häufiger anzutreffen, schwindet jedoch auch hier allmählich, so dass im Deutschen die Verneinung wieder durch ein Element ausgedrückt wird. Dieses tritt jedoch an anderer Stelle im Satz auf und ist nicht direkt an das Verb gekoppelt.

Schwund des Genitivs

Die heute noch bedeutendste Funktion des Genitivs ist die, ein Attribut zu einem anderen Substantiv zu bilden (das Haus des Vaters). Daneben fordern einige Verben einen Genitiv (sie gedenken seiner), ebenso einige Präpositionen (wegen des Rasens) und Adjektive (sich einer Sache bewusst sein). Weiterhin kommen Genitive als Prädikative (er ist des Teufels) und Adverbiale (sie geht eines Tages weg) vor. Eine Reihe von Quantitätswörtern wie viel, genug, kein forderten ursprünglich einen Genitiv, wovon noch Wendungen wie Manns genug sein, kein Aufhebens um etwas machen zeugen. Schließlich erschien im Mittelhochdeutschen nach Zahlwörtern und Interjektionen (owê des reben, ach mînes [= ‘meines’] slâfes [= ‘Schlafes’]) ein Genitiv.

Der Genitiv wird im jüngeren Deutsche jedoch durch den Dativ ersetzt. Aus während des wird während dem, aus statt des ein statt dem usw. Bei den Quantitätswörtern ist der Genitiv weitgehend geschwunden. Auch bei den Verben ist ein Rückgang des Genitivs zu registrieren. Für das Althochdeutsche werden 300, für das Mittelhochdeutsche 260 und für das Neuhochdeutsche knapp 60 Verben angesetzt, die den Genitiv regieren. Einige dieser Verben sind ungebräuchlich geworden, und bei nicht wenigen anderen treten zunächst andere Kasi als Alternativform auf, bis sich diese neuere Variante durchsetzt. So konnte im 16. Jahrhundert des Verb vergessen sowohl mit Genitiv wie mit Akkusativ gebildet werden – in der Bibelübersetzung von Luther findet sich noch Vnd hast vergessen Gottes.

Viele der knapp 60 Verben, die heute noch eine Genitiv fordern, stammen wie bezichtigen, beschuldigen, anklagen, überführen aus dem Rechtsbereich. Ein Kasuswechsel ist gleichfalls bei den Adjektiven zu beobachten. Soe ist die ursprüngliche Genitivrektion bei wert nur mehr in Verbindungen wie nicht der Rede wert sein oder eigener Herd ist Goldes wert erkennbar, während es sonst mit dem Akkusativ steht (keinen Euro wert).

Aber auch in seiner Hauptfunktion, Substantivattribute zu bilden, ist eine Veränderung eingetreten. Während des althochdeutschen Zeit stand das Genitivobjekt vor seinem Bezugswort (des Vaters Haus), im Mitteldeutschen wandelt sich das Bild, indem es zunächst in Prosatexten (nicht aber in poetischen Texten) immer üblicher wird, den Genitv nachzustellen (das Haus des Vaters), bis heute schließlich nur noch die Bildungen mit Personennamen wie Sabines Frisörstübchen die alte Wortstellung bewahren.

Es gibt zwar seit jeher im Deutschen Präpositionen, die den Genitiv erfordern wie wegen/trotz/aufgrund/infolge des schlechten Wetters oder diesseits/jenseits/beiderseits der Autobahn. Gegenwärtig setzt sich der Genitiv aber auch bei solchen Präpositionen durch, die bislang den DAtiv oder Akkusativ verlangten: Einer Tageszeitung zufolge liegt das Kanzleramt gegenüber des Reichstags (nicht mit Dativ gegenüber dem Reichstag), ein Radioreport berichtete, dass jemand nahe seines Heimatortes beigesetzt worden sei (nicht mit Dativ nahe seinem Heimatort), und einem Nachrichtenmagazin sind die Beispiele der entgegen der al-Qaida-Terroranweisungen (nicht mit Dativ entgegen den al-Qaida-Terroranweisungen) und wider besseren Wissens (nicht mit Akkusativ wider besseres Wissen) entnommen.

Interpretation nach Bedarf

Im Deutschen ist die Stellung der Satzglieder innerhalb des Satzes relativ frei. Diese Freiheit kann gelegentlich in die Irre führen, weil unterschiedliche Bezüge möglich sind. Folgendes Gedicht aus der Zeit der Gegenreformation erlaubt auf spielerische weite eine Interpretation nach Bedarf: In katholischen Gegenden trug man die beiden Blöcke nacheinander vor, in lutheranischen Gegenden als Langzeiler.

lutherisch → → →
katholisch → → → Ich sage gänzlich ab Der Römer Lehr und Leben
Luthero bis ins Grab Will ich mich ganz ergeben
Ich lache und verspott Die Mess und Ohrenbeicht
Lutheri sein Gebot Ist mir gar sanft und leicht
Ich hasse mehr und mehr All die das Papsttum lieben
Der Lutheraner Lehr Hab ich ins Herz geschrieben
Bei mir hat kein Bestand Ein römisch Priesterschaft
Was Luthern ist verwandt Lob ich mit aller Kraft
Wer lutherisch verstirbt Das Himmelreich soll erben
In Ewigkeit verdirbt Wer römisch bleibt im Sterben

Motive germanischer Rufnamengebung

Der Rufname wurde einem Kind in der Regel in einem bewussten Namensgebungsakt zugesprochen. Hier wurde in der Frühzeit mit dem Namen ein Wunsch o.Ä. verbunden, z.B. indem ein Rüdiger ‘berühmt mit dem Speer’, d.h. ein besonderer Kämpfer sein sollte.

Erfahrung, Klugheit
hugu ‘Verstand’ Hugo
ragin ‘Rat(geber)’ Rainer
Tiere
ara ‘Adler’ Arnold
bera ‘Bär’ Bernhard
ebur ‘Eber’ Eberhard
hraban ‘Rabe’ Wolfram
wulf ‘Wolf’ Wolfgang
Schutz
frithu ‘Friede’ Friedrich
munda ‘Schützer’ Siegmund
warda ‘Hüter’ Markward
warin ‘hüten’ Werner
Besitz
auda ‘Reichtum’ Ottfried
gardi ‘umzäunter Besitz’ Hildegard
geba ‘Gabe’ Gebhard
othal ‘Erbe’ Ulrich
Krieg(sgerät)
branda ‘Schwert’ Hildebrand
brunja ‘Brünne’ Brunhilde
gairu ‘Speer’ Gerlinde
helma ‘Helm’ Wilhelm
Krieg(svolk), Gefolge
fulca ‘Volk, Menge’ Volker
harja ‘Heer, Volk’ Herbert
leudi ‘Leute’ Liudger
thegan ‘Gefolgsmann’ Degenhard
theuda ‘Volk’ Dietmar
Krieg(er), Kampf
balda ‘kühn’ Balduin
gundi ‘Kampf’ Günter
hildi ‘Kampf’ Hildegard
hrothi ‘Sieg’ Rüdiger
moda ‘Mut’ Almuth
sigu ‘Sieg’ Siegmund
wig ‘Kampf’ Wichbert
Macht, Stärke
berhta ‘glänzend’ Bertold, Albrecht
hardu ‘kühn’ Hartmut, Burghard
mahti ‘Macht’ Mechthild
maru ‘berühmt’ Waldemar
ricja ‘mächtig’ Richard, Dietrich
wald ‘herrschen’ Walter
Religion
ansi ‘(heidnischer) Gott’ Ansger, Oswald
guda ‘Gott’ Gottfried
wiha ‘heilig’ Hedwig
(vornehme) Abstammung
athal ‘edel’ Albert, Edeltraut
cuni ‘wohlgeboren’ Kunigunde
ermin ‘erhaben’ Irmgard
haidu ‘Stand, Würde’ Adelheid

Freie Künste und technische Berufe

Elemente des seit der Antike gültigen Lehrkanons der Sieben Freien Künste (Septem Artes Liberales) bestehen aus dem Trivium (Grammatik, Dialektik und Rhetorik) und dem darauf aufbauenden Quadrivium (Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik).

In der Frühneuzeit entstehen auch die sogenannten Artes mechanicae. Zu diesen gehören Lanificium (Wollverarbeitung und das verarbeitende Handwerk insgesamt), Armatura (Waffenherstellung und das technische Handwerk insgesamt), Navigatio (Reisen und Handel), Agricultura (Landwirtschaft und Gartenbau), Venatio (Jagd und Lebensmittelerzeugung), Medicina (Heilkunde) und Theatrica (Schauspiel).

Preis der Pergamentbücher

Hätte Johannes Gutenberg seine Bibel komplett auf Pergament gedruckt, hätte er für die ungefähr 180 Exemplare die Haut von 25 000 bis 26 000 Kälbern benötigt, was nach Umrechnung auf die heutige Währung ungefähr 2,4 Mio. Euro gekostet hätte. Für jedes einzelne Exemplar wären damit 13 300 Euro allein für das zu bedruckende Material aufzubringen gewesen.

Der reine Pergamentpreis für eine vierbändige Bibel war so hoch, dass man zur selben Zeit (übrigens während einer Hungersnot) davon 50 Fässer Wein hätte kaufen können. 1346 wurden bei dem Verkauf eines fünfbändigen Rechtswerkes 70 Mark bezahlt. Da ein Pferd – keine alltägliche und für jedermann erschwingliche Anschaffung – vier Mark kostete, entspricht der Wert der Bücher dem von 17 Pferden.

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts erklärte der Abt des Klosters Reinhausen in Niedersachsen, dass er zur Aufbesserung der desolaten finanziellen Lage des Klosters eigene Schriften (meis scriptis) verkauft habe. Mit deren Erlös konnte er einen Acker von ca. 25 Hektar erwerben.

Von der Metapher zum Fachbegriff

Nicht nur Fachbegriffe und Redewendungen aus dem technischen Bereich gelangen in die Alltagssprache (entgleisen, Trittbrettfahren, Notbremse ziehen, unter Dampf stehen, Dampf ablassen, unter Hochdruck stehen, schmalspurig; Spätzündung, ankurbeln, durchdrehen, auf die Bremse treten, Gas geben; einen Gedanken abspeichern, aus dem Gedächtnis löschen), sondern auch umgekehrt gelangen auch Technik und Wissenschaft zu einzelnen Elementen ihrer Fachsprache, indem über Metaphern Alltagssprache in die Fächer wandert.

So ist ein Flügel ein ‘paariges, am Rumpf sitzendes Organ, mit dessen Hilfe Vögel und Insekten fliegen’. Die Medizin eignet sich das Wort zum Beispiel im Lungenflügen und Nasenflügel an, das Handwerk kennt die Flügelschraube und den Fenster- oder Türflügel, das Militär den Armeeflügel, der Sport das Flügelspiel, die vergangene Mode die Flügelhaube, die Architektur den Gebäudeflügel, in der Politik gibt es Flügelkämpfe, und auch die Windmühlen haben Flügel.

Die Metaphorik erfolgt hier entweder über die äußere Ähnlichkeit (Flügelmutter), die Beweglichkeit (Türflügel) oder die Tatsache, dass Flügel von einem Körper abstehen (Windmühlenflügel, Gebäudeflügel) und damit einen äußeren Teil darstellen (Armeeflügel).

Deonymisierung

Recht häufig erscheinen (Familien-)Namen bei Pflanzenbezeichnungen, entweder nach dem Entdecker oder zu Ehren einer Person. Zu nennen wären hier exemplarisch die Dahlie nach dem schwedischen Botaniker Andreas Dahl (1751-1789), die Fuchsie nach dem deutschen Botanier Leonhart Fuchs (1501-1566), die Kamelie nach dem Brünner Jesuitenpater und Missionar Georg Josef Camel (1661-1706), der die Pflanze aus Japan nach Europa brachte, oder die Klementine, wohl nach dem ersten Züchter, dem französischen Trappistenmönch Père Clément. Die Forsythie wird nach dem Botaniker William Forsyth (1737-1804) benannt.

Ähnliches gilt für die Bezeichnung einzelner Krankheiten wie Alzheimer nach dem Neurologen Alois Alzheimer (1863-1915), Parkinson nach dem englischen Arzt James Parkinson (1755-1824) oder den Daltonismus, die angeborene Farbenblindheit, nach dem englischen Physiker John Dalton (1766-1844).

Ferner sind Beispiele für Deonymisierung aus dem technischen Bereich zu finden: Temperatureinheit Kelvin nach dem britischen Physiker Lord Kelvin (1824-1907), Dolby(-system) nach dem amerikanischen Elektrotechniker Ray Dolby (*1933), die Draisine nach dem deutschen Erfinder Karl Freiherr von Drais von Sauerbronn (1785-1851), das Schrapnell nach dem englischen Offizier Henry Shrapnel (1761-1842), das nicht nur eine Artilleriegranate bezeichnet, sondern umgangssprachlich auch eine ältere, unattraktive Frau.

Umdeutung von vorhandenen Wörtern

Noch im Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen bezeichnete das Wort geil das ‘Fröhliche, Lustige’, auch das ‘Kraftvolle, Lebensmutige’, wie ein Blick in die Literatur des Mittelalters verrät. Stellvertretend sei hier ein Neujahrswunsch aus dem 14. Jahrhundert zitiert: so geb dir got gelück und hail und bewar dir dein leben gail. Daraus entwickelte sich ein Bedeutungsübergang zu ‘übermütig, mutwillig’, auch ‘wolllüstig’, der dann seit dem 18. Jahrhundert vorherrschend wurde. Aus diesem Grund stellte geil lange ein Wort dar, das einem Tabubereich angehörte und kaum verwendet wurde bzw. allenfalls in gewollt drastischer Sprache.

Und genau deshalb fand es in der jüngeren Vergangenheit vermehrt Eingang in die Jugendsprache. Deren Bestreben ist es unter anderem, sich durch die Verwendung tabuisierter Wörter von der Sprache der Erwachsenen abzugrenzen, zu schockieren. Hier allerdings drückte es etwas besonders Hervorragendes aus und konnte dann als allgemeine positive Qualifizierung verwendet werden, wie zum Beispiel die Wendungen geile Musik, geile Party deutlich machen, die keinerlei sexuelle Bedeutungskomponente mehr beinhalten. Wie es häufig bei Gruppensprachen der Fall ist, gelangte das Wort dann in seinem abgeschwächten Bedeutungsgehalt allmählich in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Das Schicksal von ß

Bereits zw. 300 und 800 n.Chr. zeigten erste Handschriften zwei rivalisiernde Ausformungen (Allografe) des Kleinbuchstabens s: das runde s am Wortende und das eher einem f ähnelnde lange s am Wortbeginn und in der Wortmitte. In manchen Schriften, vor allem den gebrochenen Typen der Fraktur, hat sich dieses Symbol bis heute erhalten.

Auch der wohl seltsamste Buchstabe im deutschen Alphabet, den es in keiner anderen Sprache gibt und der zudem nur als Kleinbuchstabe sein Dasein fristet, das scharfe S, auch Eszett genannt, ist ein Erbe dieser s-Variationen. Niemals darf dieser Buchstabe den Anfang eines Wortes zieren, und er sollte auch nicht in Versalschrift verwendet werden. Ausnahmen letzterer Vorschrift bestätigen die Regel. So hat sich der bekannte Leipziger Verlag in seiner Ausgabe von 1963 als DER GROßE DUDEN bezeichnet.

Üblich ist diese Mixtur aus Klein- und Großbuchstaben allerdings nicht , und das ß in Versalschrift wird im Normalfall durch SS oder SZ (ältere Form) wiedergegeben. Beide Varianten haben eine gewisse historische Berechtigung. Die Schweiz hat diesem ß schrittweise sogar schon seit 1906 abgeschworen, endgültig seit 2006 auch für amtliche Schriftwerke.

Schon die Namen scharfes S oder Eszett, daneben Buckel-S, Rucksack-S, Dreierles-S – allesamt Bezeichnungen, die auf die Form des Buchstabens abzielen – können nur mit der verworrenen Geschichte der Schrift erklärt werden. Die Theorie reicht von einer Rückführung auf die sog. Tironischen Noten, eine Art römischer Stenografie mit zahlreichen Abbreviaturen oder Abkürzungszeichen, der Wiedergabe unterschiedlicher Laute in der Wortmitte im Zuge einer germanischen Lautverschiebung im 7. und 8. Jahrhundert ([t] wurde durch sz, [t:] durch tz wiedergeben), bis zur Umformung der in gebrochenen Schriften häutig verwendeten Ligatur aus langem s und z: ʃʒ.

Das erstmalige Auftreten des Schriftzeichens ß in gotischen Buchstaben des 13. Jahrhunderts lässt es als am wahrscheinlichsten erscheinen, dass die damals üblichen stimmhaften von den stimmlosen [s]-Lauten unterschieden werden sollten, eben durch diese neu geformte Ligatur aus langem s und ʒ (eigentlich ein eigener s-Buchstabe: z mit Unterschlinge). Dieses zweite s wiederum ähnelte in vielen Schriften einem verkehrten Dreier und sah zudem dem Buchstaben z zum Verwechseln ähnlich. Selbst nach der Wandlung des z zur modernen Form blieb der verkehrte Dreiererhalten.

Jedenfalls lässt sich mit dieser Theorie die in Deutschland übliche Buchstabenbezeichnung Eszett erklären. Der vermutlich sprachgeschichtlich richtige Name scharfes S für diesen stimmlosen Laut blieb dagegen in südlichen deutschen Langen erhalten. Sicher ist, dass lateinische Texte kein Eszett kannten und daher die Kenntlichmachung des stimmlosen S in deutschen Antiquaschriften nur eine Ligatur aus langem S und rumdem S gewesen sein konnte.

Die neuesten Normen erlauben seit 4.4.2008 sogar einen Großbuchstaben ß. In der alphabetischen Sortierung steht das ß gleich hinter dem ss, also Masse vor Maße.

Es macht eben einen Unterschied, ob Alkohol in Maßen oder in Massen genossen wird. Auch wollen wohl nur die wenigsten Leute ein Model am Laufsteg sehen, dessen Körpermaße sich durch allzu füllige Körpermasse auszeichnet. Im englischsprachigen Raum schafft dieses scharfe S große visuelle Probleme, das Verwechselungen mit dem B bzw. dem β an der Tagesordnung sind. Somit entstand ein weiterer Name für diesen Buchstaben: German B.

Etymologie von Gott

Das Wort Gott (althochdeutsch got, vgl. englisch god und schwedisch gud) kannten schon die heidnischen Germanen. Allerdings verbanden sie damit eine ganz andere Vorstellung als die christlichen Missionare. Gott gehört ursprünglich wohl zum selben Wortstamm wie gießen. Zunächst wurde damit wahrscheinlich das Vergossene, das Opferblut, bezeichnet. Das Wort wurde dann sekundär auf den oder die Empfänger des Opfers übertragen.

Entstehung des deutschen Umlauts

Im Althochdeutschen gab es viele Wörter und Wortformen, die in einer unbetonten Endsilbe ein i, ein j oder ein langes î hatten. So lautete bspw. der Plural von gast ‹Gast› gasti, die 1. Person Singular von hôren ‹hören› hatte die Form hôrju, und vom Adjektiv guot ‹gut› wurde ein Abstraktum guotî ‹Güte› gebildet.

Die i, j und î in den Nebensilben sind Ursache dafür, dass die Vokale in den Stammsilben abgeändert wurden. Denn die damaligen Sprecher haben, während sie in gasti das a, in hôrju das ô und in guotî das uo artikulierten, schon das nachfolgende i, j oder î nicht nur mitgedacht, sondern ansatzweise schon mitartikuliert (Artikulationsökonomie). Die Folge war, dass das a in gasti zu e, das ô in hôrju zu œ (das Zeichen steht für langes ö) und das uo in guotî zu üe modifiziert wurden. Auch weitere Vokale unterlagen unter solchen Bedingungen einem Umlaut. So wurde auch o zu ö, u zu ü, langes â zu æ, langes û zu iu (die übliche historische Schreibung für langes ü) und ou zu öu modifiziert.

Da nun die ursächlichen althochdeutschen Nebensilbenvolkale i, j und î im Laufe des 11. Jahrhundert zu mittelhochdeutschem e abgeschwächt wurden, entsprechen sich z.B. althochdeutsches guotî und mittelhochdeutsches güete mit Umlaut und e am Wortende (woraus später neuhochdeutsch Güte wurde), althochdeutsches ubil und mittelhochdeutsches übel, althochdeutches dâhti und mittelhochdeutsches dæhte (heute dächte), althochdeutsches lûti und mittelhochdeutsches liute (jetzt Leute), althochdeutsches ougilîn und mittelhochdeeutsches öugelîn (heute Äuglein). Die ä-Schreibweise in Wörtern wie Gäste, kälter, älter statt Geste, kelter, elter bürgerte sich übrigens erst in der Neuzeit ein. Sie soll zum Ausdruck bringen, dass a-Wörter (Gast, kalt, alt) zugrunde liegen. Wo ein solcher Zusammenhang nicht (mehr) deutlich empfunden wird, hat man die e-Schreibung beibehalten. Ein Beispiel ist Eltern. Etymologisch ist das nichts anderes als die Älteren. Das Wort wird aber von den Sprechern nicht mehr als Steigerungsform von alt empfunden.

Unsere heitigen Umlaute gehen also vielfach auf artikulatorische Entwicklungen des Frühmittelalters zurück. Die Verursacher, das i, j oder î in den Flexionssilben, sind längst verschwunden. Geblieben ist der Umlaut, der dann, wenn ein Bezug zu einem Wort ohne Umlaut erkennbar ist, orthografisch mit Pünktchen über dem entsprechenden Vokal gekennzeichnet wird, die nichts weiter sind als Relikte eines übergeschriebenen kleinen e.

In späteren Jahrhunderten verwendete man einen lautlich nicht gerechtfertigten Umlaut vor allem zur Pluralbildung. In Wörtern wie Väter, Mütter, Brüder, Schwäger, Vögel war nie ein i, j oder î als Umlautverursacher vorhanden. Der Umlaut kam ins Spiel, weil sich irgendwann die Regel herausgebildet hat, wenn du einen Plural brauchst und keine Endung hast, mach einfach Umlaut. Deshalb besteht heute auch die Unsicherheit, wei der korrekte Plural z.B. von Wagen oder Bogen lautet. Wägen und Bögen? oder ohne Unterschied zum Singular? Die Sprecher haben das ganz natürliche Bedürfnis, den Plural irgendwie auszudrücken. Dazu benutzen sie den Umlaut, der sich in solchen Wörtern längst durchgesetzt hätte, wenn ihn grammatische Normierungen nicht daran hindern würden.

Rechtschreibreform und (Volks-)Etymologie

Bei mehreren Wörtern wurde die Schreibung vor der letzten Rechtschreibreform mit etymologischen Rücksichten begründet, obwohl die Sprecher intuitiv andere Zusammenhänge herstellten. Ein- oder verbläuen hat ursprünglich nichts mit der Farbe blau zu tun, obwohl sich diese Assoziation anbietet. Vielmehr handelt es sich um ein altes Verbum mit der Bedeutung ‹klopfen, schlagen›.

Auch ist ein Quäntchen eigentliche kein kleines Quantum, sondern leitet sich von lateinischem quintinum ‹Fünftel› her. Deshalb schrieb man bis zur Reform Quentchen (schon mittelhochdeutsch quentîn).

Das Adjektiv aufwändig ist auf aufwenden zu beziehen und wurde deshalb aufwendig geschrieben. Doch lag die Vermutung nahe, es handle sich um eine Ableitung von Aufwand. Folge war die Schreibung aufwändig, die durch die Reform sanktioniert wurde.

Genusdifferenzierung

Bereits im Indogermanischen bildeten sich bei den Substantiven sog. Stammklassen heraus, die in modifizierter Form in Germanischen ebenso wie im Griechischen, Lateinischen, im Sanskrit und anderen klassischen alten Sprachen weiterlebten. Die Grammatiker des Altertums bezeichneten diese Klassen, die ursprünglich nichts mit natürlichem Geschlecht zu tun hatten, nach prototypischen Wörtern, die darin enthalten waren, als Maskulina, Feminina und Neutra. Dass im Lateinischen Wörter wie femina ‹Frau› oder vacca ‹Kuh› auf von Natur aus weibliche Wesen (seien es Menschen oder Tiere) bezogen wurden, führte dazu, dass sämtliche Substantiva derselben Klasse als Feminina bezeichnet wurden, auch solche, die ganz und gar nichts Weibliches an sich haben, wie camera ‹Zimmer› oder materia ‹Materie›.

Diejenigen Substantive, die formal mit vir ‹Mann› oder taurus ‹Stier›, also prototypisch männlichen Wesen, übereinstimmten, subsumierte man deshalb unter der Kategorie masculinum. Was weder zu den Feminina noch zu den Maskulina passte, packte man in die Verlegenheitskategorie Neutrum (war ursprünglich nichts anderes heißt als ne utrum ‹keins von beiden›). Warum ist aber Mädchen dann grammatisch keins von beiden, obwohl es doch von Natur aus eins von beiden ist, nämlich weiblich? Weil es sich historisch gesehen um ein Diminutivum (Verkleinerungsform) handelt. Und Diminutiva sind grammatische Neutra.

Perfekt mit haben oder sein

Der weitaus häufigste Fall ist das Perfekt mit haben. Alle transitiven Verben (also solche, die ein Akkusativ-Objekt erfordern) bilden das Perfekt mit haben, z.B. ich habe sie schon von weitem gesehen. Gleiches gilt für die reflexiven Verben, z.B. Otto hat sich blamiert, für die intransitiven Verben mit einem Dativ- oder Genitivobjekt, z.B. Otto hat mir nicht geholfen, oder wir haben der Verstorbenen gedacht.

Das Perfekt mit sein wird dann verwendet, wenn ein intransitives Verb (also, das kein Akkusativobjekt bei sich haben kann) eine Ortsveränderung oder einen Zustandswandel zum Ausdruck bringt. Eine Veränderung des Ortes bezeichnen alls Bewegungsverben, bspw. fahren, gehen, fliegen, verschwinden. Deshalt heißt es Otto ist nach Paris gefahren/gegangen/geflogen/verschwunden. Ein Zustandswandel kommt zum Ausdruck in Verben wie wachsen, schrumpfen (Ottos Aktienvermögen ist gewachsen/geschrumpft), erröten, erblasen (das Kind ist errötet/erblasst.) Auch allgemeine Ereignisverben wie passieren, geschehen, eintreten, vorkommen bilden das Perfekt auf diese Weise (etwas Unerwartetes ist passiert/geschehen/eingetreten/vorgekommen). Das mit Abstand häufigste Verb, das sein Perfekt mit sein bildet, ist werden, das in Verbindung mit Adjektiven oder Substantiven generell Zustandsveränderungen ausdrückt, z.B. Otto ist krank geworden oder Otto ist Chefredakteur geworden. Entsprechendes gilt auch beim Passiv: Otto ist zum Direktor befördert worden.

Manche Verben bilden ihr Perfekt scheinbar mit sein und auch mit haben, z.B. ich bin über den See gerudert, aber auch ich habe wie ein Irrer gerudert oder sie haben Tango getanzt, aber auch sie sind quer durch den Saal getanzt oder ich bin nach Berlin gefahren, aber auch ich habe Vaters Auto gefahren. Das widerspricht dem bisher Gesagten jedoch nicht, denn in Verwendungsweisen wie ich bin über den See gerudert und sie sind quer durch den Saal getanzt kommen Ortsveränderungen zum Ausdruck. Bei Sätzen wie ich habe wie ein Irrer gerudert oder sie haben Tango getanzt steht die Tätigkeit an sich im Vordergrund.

Die Verteilung von sein- und haben-Perfekt ist im deutschen Sprachraum allerdings nicht ganz einheitlich geregelt. In Süddeutschland, in Österreich und in der Schweiz hat man nicht im Bett gelegen, im Wirtshaus gesessen und an der Ampel gestanden, sondern man ist im Bett gelegen, ist im Wirtshaus gesessen und ist an der Ampel gestanden.

Modalverben in epistemischer Verwendung

Modalverben können auch dazu verwendet werden, eine Sprechereinstellung zum Ausdruck zu bringen. Man spricht dann von epistemischem Gebrauch. Gemeint sind Fälle wie er will (soll, kann, muss) von alledem nichts gewusst haben. In solchen Verwendungen bringt wollen keine Absicht, müssen keine Verpflichtung, sollen keine Notwendigkeit und können keine Befähigung zum Ausdruck.

Das Modalverb dürfen wird epistemisch nur im Konjunktiv gebraucht ( er dürfte von alledem nichts gewusst haben) und drückt dann auch nicht aus, dass etwas erlaubt ist, sondern dass man etwas vermutet. Epistemisches wollen in einem Satz wie er will es nicht gewusst haben bringt zum Ausdruck, dass jemand zwar behauptet, nichts gewusst zu haben, man selber den Wahrheitsgehalt aber nicht überprüfen kann. Wenn man dagegen sagt er hat nichts gewusst, hält man diese Aussage für glaubwürdig. Epistemisches sollen (z.B. er soll nichts gewusst haben) bringt zum Ausdruck, dass es sich um die Meinung anderer handelt, für deren Richtigkeit man aber selbst nicht einstehen kann. Mit einer Aussage wie er kann nichts gewusst haben, dürckt man aus, dass man vermutet, dass der Betreffende überhaupt nicht die Möglichkeit hatte, etwas zu wissen. Ein Satz schließlich wie er muss nichts gewusst haben besagt, dass man glaubt, es bestehe kein Anlass zu einer entsprechenden Annahme. In allen Fällen teilt man implizit seine eigene Einschätzung der eigentlichen Aussage mit.

Epistemische und nicht-epistemische Verwendung von Modalverben bedingen auch ein unterschliedliches Perfekt. Wenn man einen Sazt wie er kann es nicht wissen (nicht-epistemisch) ins Perfekt umformt, ergibt sich er hat es nicht wissen können. Die epistemische Lesart führt zu einem Perfekt er kann es nicht gewusst haben. Ebenso: er hat es nicht wissen wollen (nicht-epistemisch) gegenüber er will es nicht gewusst haben und er hat es wissen müssen gegenüber er muss es gewusst haben. Im Präsens sind epistemische und nicht-epistemische Lesart nicht unterschieden.

Adverbial

Unter Adverbiale versteht man Angaben, die erstens die näheren zeitlichen, räumlichen, kausalen u.a. Umstände einer mit einem Verb bezeichneten Tätigkeit oder eines Vorgangs benennen, und zweitens nicht wie das Subjekt oder Objekt vom Verb gefordert und in ihrer Form festgelegt sind. Vielfach fungieren Adverbien als Adverbiale. In plötzlich rutschte Schnee vom Dach wird das Geschehen mit dem Adverb plötzlich als unterwartet gekennzeichnet. Diese Angabe ist auch nicht vom Verb her gefordert. Auch eine Aussage Schnee rutschte vom Dach wäre komplett. Plötzlich bringt eine zusätzliche Präzisierung in die Aussage.

Als Adverbiale können aber auch längere Ausdrück verwendet werden. Ein solcher adverbialer Ausdruck ist bspw. mit einem Mal (rutschte Schnee vom Dach). Ebenso können Infinitivkonstruktionen als Adverbiale fungieren, z.B. ohne ein Geräusch zu machen, rutschte Schnee vom Dach. Adverbiale erscheinen häufig auch in Nebensätzen wie z.B. ohne dass es jemand ahnen konnte, rutschte Schnee vom Dach.

Englische Grammatik im Deutschen

In der deutschen Gegenwartssprache gibt es strukturelle Einflüsse des Englischen auf das Deutsche. Die starke Zunahme der Verwendung der Verlaufsform (z.B. ich bin grade am Briefschreiben, nicht … ich schreibe gerade einen Brief) kann als englischer Struktureinfluss gelten (vgl. I’m writing a letter). Imitat einer anderen englischen Konstruktionsweise ist die Negation mit nicht wirklich, wenn man ganz einfach nicht meint. Vorbild ist englisches not really. Datierungen mit in (z.B. das war in 2009) imitieren ebenso ein englisches Muster (nämlich it was in 2009) wie die Verwendung von erinnern ohne Reflexivpronomen und mit Akkusativobjekt. Deutsches ich erinnere das ganz gut statt daran erinnere ich mich ganz gut ahmt englisches I remember this quite well nach. Auch idiomatische Fügungen können englischen Vorbildern folgen wie bspw. das macht Sinn (statt das ist sinnvoll) nach this makes sense oder einmal mehr (statt nochmal(s) oder wieder) nach one more time.

man oder frau

Das althochdeutsche Wort man hat generell ‹Mensch› bedeutet, in etwa so wie englisch mankind. Wenn man im Althochdeutschen dezidiert von einem Mann (in heutigen Wortverständnis) sprechen wollte, musste man präziser sein und gomman sagen (wobei gom etymologisch gesehen dasselbe ist wie -gam in Bräutigam). Gomman bedeutet ins heutige Deutsche umgesetzt ‹Mannmensch›. Gegenstück wäre das englisch Wort woman, das auf das altenglische Kompositum wifmon (wörtlich ‹Weibmensch›) zurückgeht. Dieses man wurde vom Althochdeutschen bis heute als Indefinitpronomen beibehalten (also, eine unbestimmte persönliche Größe). Im Laufe der Zeit wurde das Substantiv man allerdings auf den Gegensatz zu wîp eingeengt und in der heutigen Bedeutung ‹Mann› verwendet.

Das Element man steckt im Pronomen jemand. Die althochdeutsche Form war ioman und bedeutete ‹irgendein Mensch›. Etwa seit dem 15. Jahrhundert trat ein unetymologisches d ans Wortende. Konsequenterweise müssten Verfechter eines femininen Pronomens frau auch jefrau sagen. Übrigens ist das französische Pendant zu man, nämlich on, nichts anderes als verkürztes homme, das auch ‹Mensch› und ‹Mann› bedeutet.


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